
Wem kann ich zum Nächsten werden? Verhalte ich mich wie ein Nächster? So provozierend dreht Jesus die Frage nach der Nächstenliebe um.

V 25 - 28: Der Pharisäer stellt Jesus die Frage: Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Die Antwort war jedem Juden nur zu gut bekannt, den sie war zentraler Inhalt des jüdischen Glaubensbekenntnisses (5. Mose 6,4-5 und 3. Mose 19,18). Im Zentrum des jüdischen Glaubens steht die Liebe zu Gott; sie ist Voraussetzung für alles weitere Handeln, vor allem für die Liebe zum Nächsten. Wer dieser Nächste war - und wer nicht mehr - das wurde unterschiedlich beantwortet.
Es ist daher keine wirkliche Frage, die der Pharisäer aus Unwissenheit stellt, sondern er will Jesus ganz offensichtlich auf die Probe stellen, ihn auf eine Meinung festnageln, ihn versuchen (V 25). Jesus weiß das (vgl. Mk 12, 29-31), und deshalb bekommt der Pharisäer nicht die erwartete Antwort, sondern Jesus gibt die Frage einfach an ihn zurück: Was steht im Gesetz geschrieben? Als der Schriftgelehrte ihm die völlig richtige Antwort gibt, fügt Jesus nur hinzu: Tu das... Was der Schriftgelehrte im Kopf längst schon begriffen hat, muss bei ihm nun zur Tat werden.
V 29: Wer ist denn mein Nächster? fragt der Schriftgelehrte daraufhin und gibt zu erkennen: Ihm liegt daran zu erfahren, wen er noch lieben muss und wen nicht mehr. Sind nur jene gemeint, die im Judentum allgemein als Nächste bezeichnet werden? Jesus antwortet mit einer Beispielerzählung. Der Leser bzw. Hörer der Geschichte findet sich in der Erzählung wieder, erkennt sich darin in seinem Tun und geht als veränderter Mensch aus dieser Geschichte hervor.
V 30: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho... also irgendeiner. Es muss kein Jude gewesen sein, der hier beschrieben wird. Dieser Mann reist auf einer der gefährlichsten Straßen; auf den 25 Kilometern zwischen Jerusalem und Jericho fällt der Weg 1200 m ab. Das steinige und trockene Gebiet bietet Räubern guten Schutz und viele Angriffsmöglichkeiten. Es ist nicht überraschend, dass ein Wanderer hier Räubern in die Hände fällt.
V 31: Der Priester kehrt womöglich von seinem Tempeldienst in Jerusalem nach Hause zurück, denn in Jericho wohnten viele Priester. Warum er vorbeigeht, sagt Jesus nicht. Der Grund könnte sein, dass ihn der Kontakt mit einem Toten nach 3. Mose 21,1 verunreinigen würde. Dann wäre es das rituelle Gebot, das dem Priester hier wichtiger scheint als die Nächstenliebe.
V 32: Auch die Leviten waren zu Jesu Zeiten eine privilegierte Gruppe unter den Juden, die für den Tempeldienst zuständig war. Beide, Priester wie Levit, sehen den Leidenden - und gehen trotzdem vorbei. Beide haben den Zusammenhang zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten nicht begriffen. Die Liebe zu Gott kann nur in Verbindung stehen mit der Liebe zum Nächsten. Das eine geht nicht ohne das andere.
V 33 - 35: Wie anders handelt da der Samariter! Samaritaner - das Mischvolk aus Juden und Heiden - wurden von den Juden verachtet. Zu Jesu Zeiten war das Verhältnis zwischen Juden und Samaritanern besonders schlecht. Von ihnen erwartete ein Jude nichts Gutes. Doch der Samariter in unserer Geschichte ist tief betroffen. Es "zerschneidet ihm die Eingeweide" so die wörtliche Übersetzung. Und so tut er alles, damit der Mann wieder gesund wird. Dies schließt die erste Hilfe ein. Zudem schafft er die besten Voraussetzungen für eine gute Heilung, indem er in der Herberge im voraus bezahlt. Zwei Silbergroschen oder Denare waren für die ersten Tage mehr als genug.
V 36 - 37: Wer von diesen dreien... Jesus gibt auch diese Frage in veränderter Form an den Schriftgelehrten zurück: Wer ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? (Luther 1975 genauer: Wer von diesen dreien ist dem zum Nächsten geworden...?). Der Schriftgelehrte hat keine Wahl, denn die Antwort ist eindeutig: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Es geht nicht darum, wen ich als meinen Nächsten wähle, sondern wen Gott mir in den Weg stellt. Und da kann es sein, dass es jemand ganz anderes ist als ich mir wünschte. Es kann sogar bedeuten, dass ich eine Person als Nächsten annehme, die mir gar nicht gefällt!
Jesu Befehl und Aufforderung, desgleichen zu tun, ist das letzte Wort. Für theoretische Debatten lässt das keinen Raum. Konkret und wirklich hilfreich wird die Nächstenliebe erst, wenn sie getan wird!

Jesus weist den Gesetzeslehrer mit seiner Frage auf das Gesetz zurück. Wie auch sonst lässt er sich nicht in theoretische Probleme verwickeln.
Die im Gesetz geforderte Liebe zu Gott ist unauflöslich mit der Liebe zum Nächsten verbunden. Beide sind eine Einheit.
Jesus diskutiert nicht über die Grenzen der Nächstenliebe, sondern antwortet mit einem konkreten Gleichnis, das allerdings die Vorstellungen des Schriftgelehrten sprengt.
Am Ende seiner Erzählung stellt Jesus die Frage des Gesetzeslehrers um (V 36). Jener hatte gefragt, wen er denn lieben müsse. Jesus sagt ihm: Die wahre Nächstenliebe fragt anders - Wem kann ich zum Nächsten werden?
Jesus geht es nicht um Theorie, sondern um das Tun.

- Beschreibt die Situation, in der Jesus diese Geschichte erzählt. Welche Frage beantwortet sie? Wie fasst Jesus die Antwort in einem Satz zusammen?
- Was ist so ungewöhnlich daran, wie Jesus das Gesetz auslegt? Was hat sein Zuhörer überrascht?
- Warum erzählt Jesus auf die Frage nach dem ewigen Leben eine Geschichte über die Nächstenliebe, anstatt den Heilsweg zu erklären?
- Was ist ungewöhnlich an dem Verhalten des Samaritaners?

- Woran sollten wir uns in dieser Geschichte ein Beispiel nehmen?
- Was bedeutet V 27 in unserem Leben?
- Auch wir kennen vielleicht Situationen, wo wir einen anderen nicht als Nächsten anerkennen oder anerkennen wollen. Wie kann man eine solche Antipathie überwinden? Erzählt Beispiele.
- &qout;Nichts ist so weit wie der Weg vom guten Vorsatz zur guten Tat", so sagt ein altes Sprichwort. Was bedeutet das, wenn wir uns ins Gedächtnis rufen, dass die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu Gott unwiderruflich zusammengehören?
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