
Wie würden wohl die Schlagzeilen lauten, wenn heute ein Unternehmer so handeln würde? Wenn er denen, die gerade noch eine Stunde vor Feierabend sich die Hände ein wenig schmutzig gemacht haben genausoviel zahlen würde, wie denen, die den ganzen Tag geschuftet haben? So ein Mann wäre ein Narr und brächte alles durcheinander. - Aber genauso handelt Gott. Bei ihm - in seinem Herrschaftsbereich - gelten andere Maßstäbe als bei uns. Bei ihm stehen Barmherzigkeit und Güte über Leistung und Lohnanspruch.

Gleichnisse sind eine bevorzugte Erzählform Jesu. In ihnen greift Jesus Ereignisse aus dem Alltag seiner Zuhörer auf, um an ihnen seine Aussagen über Gott und sein Reich zu verdeutlichen. Dabei sind manche Gleichnisse wie ein chiffrierter Brief. Man versteht ihn nur, wenn man den Code kennt: Oft ist der ganze Text nur von einem Punkt her zu verstehen. Hier ist der Schlüssel zum Verständnis in V 15 zu finden: Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? Andere Fragen, wie z. B. die, warum in der elften Stunde noch immer Arbeitslose auf dem Markt stehen, werden nicht beantwortet, spielen für die Hauptaussage auch keine Rolle.
V 1 - 7: Jesus berichtet von einem Arbeitsmarkt. Da gibt es Arbeiter und Arbeitslose, da ist ein Unternehmer. Und da ist von Stundenlohn, Arbeitsverträgen und Tarifauseinandersetzungen die Rede. Hintergrund für diese Geschichte sind die sozialen Verhältnisse im damaligen Israel. Arbeitslose waren damals keine Seltenheit. Da war es eine gute Möglichkeit, bei den Erntearbeiten mindestens für einen Tag eine Gelegenheitsanstellung zu finden. Mit dem Lohn konnte dann zumindest der ärgste Hunger gestillt werden. Ein Denar (ein Silbergroschen) war der damals übliche Tagelöhnerlohn und entspricht ungefähr dem heutigen Sozialhilfesatz. Das heißt: Was man zum Leben brauchte, konnte man sich davon leisten. Luxus war aber nicht drin.
Mit den ersten angeworbenen Arbeitern wird noch ein verbindlicher Arbeitsvertrag geschlossen. Alle anderen, die im Laufe des Tages noch eingestellt werden (neben 6.00 Uhr morgens auch um 9.00, 12.00, 15.00 und 17.00 Uhr), bekommen keinen Vertrag. Sie erhalten nur die allgemeine Zusage ihres Arbeitgebers, daß er sie für ihre Arbeit angemessen bezahlen will. Den letzten wird nicht einmal das gesagt.
V 8 - 12: Als es abends (gegen 18.00 Uhr) zur Lohnauszahlung kommt, erwartet jeder: Den Ganztagsarbeitern wird der volle Lohn ausgezahlt, den Teilzeitkräften entsprechend weniger (vgl. 5. Mose 24, 15). Aber erstaunlich: Als die zuletzt Angeworbenen als erste ihren Lohn empfangen, ist es ein ganzer Denar. Das läßt die Arbeiter, die den ganzen Tag in glühender Hitze geschwitzt und geschuftet haben, hoffen. Wenn jene schon einen Denar bekommen haben, haben sie mindestens den doppelten, wenn nicht sogar den dreifachen Lohn verdient. Aber auch sie erhalten nur den vereinbarten Betrag. Ein Denar für jeden Arbeiter, unabhängig von der Arbeitszeit! Verständlich, dass die Ganztagsarbeiter empört sind. Sie murren. Schließlich haben sie mehr geleistet als ihre Kollegen.
V 13 - 16: Der Weinbergbesitzer wehrt alte Proteste kompromißlos ab. Dem Sprecher der Empörten macht er unmißverständlich deutlich: Ich kann über mein Geld bestimmen, wie ich es für richtig halte. Und ich will, dass jeder Arbeiter einen Denar erhält. Außerdem war mit euch ein Denar vereinbart. Und den hat jeder erhalten. - Keine Belohnung also für "Vielarbeiter". Alle erhalten, was sie zum Überleben brauchen.
Am Verhalten der Ganztagsarbeiter wird deutlich: Neid ist die Wurzel des Bösen. Solange die Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber allein zu tun hatten, waren sie zufrieden. Wären die anderen nicht dazugekommen, sie hätten am Abend dankbar ihren Lohn empfangen und alles wäre in Ordnung gewesen. Nun aber fühlen sie sich ungerecht behandelt, weil sie die Summe, die sie sich schon ausgerechnet hatten, nicht bekommen. Das lässt sie neidisch und damit hart und lieblos werden (vgl. 1. Tim 6, 10).
Wie anders ist dagegen das Verhalten des Arbeitgebers. Es ist ja nicht Willkür oder gar bewusste Ungerechtigkeit gegen die Ganztagsarbeiter, die in seinem Verhalten sichtbar wird. Es ist nichts anderes als Güte, Freundlichkeit und Barmherzigkeit gegenüber den hungernden Familien der später Eingestellten. Den ersten hat er gegeben, was er mit ihnen vorher ausgemacht hatte. Sie sind die einzigen, die Recht und Anspruch auf den versprochenen Lohn haben. Alle anderen haben keinen Anspruch auf den vollen Tageslohn. Er ist allein in der Güte des Weinbergbesitzers begründet, die auch den später gekommenen Tagelöhnern noch Arbeit und Verdienstmöglichkeit gab. - Güte kann man sich nicht verdienen. Sie ist ein unverdientes Geschenk, das man nur dankbar annehmen kann.
So hat der Weinbergbesitzer denen Lohn bezahlt, die es verdient haben, denen aber Güte und Gnade geschenkt, die darauf angewiesen waren.

Was will Jesus mit diesem Gleichnis sagen?
- Petrus greift mit seiner Frage: Was wird uns dafür gegeben (Mt 19, 27)? ein Thema auf, das zur Zeit Jesu viele Fromme bewegte. Das Gleichnis enthält Jesu Antwort. Er sagt:
- Alle, die Gottes Ruf folgen, bekommen den gleichen "Lohn", sie gehören zu Gott, in sein Reich, sind seine Kinder.
- Dieser Lohn ist unabhängig von der Leistung des Einzelnen.
- Die Erlösung gibt es entweder ganz oder gar nicht. Sie ist Geschenk Gottes und allein begründet in seiner Güte.
- Jesus beantwortet mit diesem Gleichnis wohl auch die Frage, warum er Zöllnern und Sündern ohne Weiteres die Gnade Gottes zuspricht - im Gegensatz zu den Pharisäern, die sich diese durch lebenslangen Einsatz verdienen wollten (19, 30).

- Welche Gefühle haben die Arbeiter in dem Weinberg? Was ist wichtig für sie?
- Welche Motive hat der Weinbergsbesitzer?
- Wo wird sonst das Bild vom Weinberg in der Bibel verwendet?
- Warum erzählt Jesus diese Geschichte?

- Güte Gottes - Wie erfahren wir sie in unserem Leben? Wie geben wir sie an andere Menschen weiter?
- Viele Menschen meinen, dass man sich einen Platz im Himmel verdienen kann. An welchen Handlungsweisen wird das sichtbar? Was können wir von unserem Text her antworten?
- Ist es ungerecht, dass es uns im Vergleich zur Dritten Welt so gut geht? Warum protestieren wir nicht gegen Gottes "Ungerechtigkeit" bzw. Güte, die wir selbst erfahren?
- Sind wir neidisch, wenn andere mehr Segen bekommen, als es ihnen unserer Ansicht nach zusteht?
- Ein Mann, der erst mit 60 Jahren Christ wurde, sagte: "Es tut mir leid um all die verlorenen Jahre." Was meint Ihr dazu?
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